Autor: Michael Billig, iley.de


Christian Sigrist (c) iley.de - Als Enkel eines jüdischen Großvaters 
erlebte Christian in jungen Jahren, zu welcher Repression und Gewalt ein 
Staat an seinen Bürgern fähig ist. Der Opa musste nachts Zwangsarbeit bei 
Siemens verrichten. Die Schwester des Großvaters wurde nach Theresienstadt 
deportiert, wo sie 1943 ermordet wurde.


Christian wurde am 25. März 1935 in St. Blasien, Baden-Württemberg, 
geboren. Er wuchs im Berlin der Nationalsozialisten auf. Nach dem Krieg 
besuchte er das Jesuiten-Kolleg in St. Blasien, wo er "wegen Gefährdung 
der Internatsdisziplin" rausgeworfen wurde. Seine Mutter sorgte dafür, 
dass er die Schule fortsetzte.
Ab 1954 studierte Christian Geschichte an der Universität Freiburg. Sein 
großes Studien- und später auch Forschungsinteresse galten Herrschaft und 
Widerstand. Für seine Promotionsarbeit über segmentäre Gesellschaften 
reiste er 1966 das erste Mal nach Afghanistan. Christian blieb 
siebeneinhalb Monate und beschäftigte sich mit den Stammesstrukturen im 
afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet.
Sein zweiter Aufenthalt am Hindukusch folgte rund 25 Jahre später. Zu 
diesem Zeitpunkt waren die sowjetischen Besatzungstruppen aus Afghanistan 
abgezogen und Christian längst Professor am Institut für Soziologie in 
Münster. Er war 1971 dem Ruf der Universität gefolgt, wo er bis zu seiner 
Emeritierung im Wintersemester 1999/2000 lehren und forschen sollte.
Zum Onlinemagazin iley.de stieß Christian in einer Zeit, als sich die 
Bundesrepublik Deutschland mit Waffen und Soldaten an einem neuerlichen 
Krieg in Afghanistan beteiligte. Christian schrieb über das Scheitern der 
deutschen Einsatzarmee, analysierte die Kriegsstrategie der US-geführten 
ISAF-Mission und kommentierte kritisch den Luftangriff von Kunduz, der 
mehr als 100 zivile Todesopfer forderte und den ein deutscher Oberst zu 
verantworten hatte.
Prof. Dr. Christian Sigrist war unser Mann für Afghanistan. Einen besseren 
konnten wir uns nicht wünschen. Seine Position zu diesem Krieg war klar, 
die Tonalität seiner Texte angriffslustig. Nur ein Beispiel: "Am 4.12.2002 
behauptete Verteidigungsminister Struck in bodenloser Unkenntnis der 
regionalen Verhältnisse: 'Die Sicherheit der Bundesrepublik wird auch am 
Hindukusch verteidigt.' Dieser Satz ist so wahr wie Willy Brandts Diktum: 
'Die Freiheit Westberlins wird in Saigon verteidigt.'" In Analyse und 
Schlussfolgerung war Christian gnadenlos. Er gab Artikeln oft auch eine 
persönliche Note, wenn er von eigenen Erfahrungen berichtete.

Die Afghanen kamen zu ihm

Auch wenn Christian nach 1991 Afghanistan nicht mehr besuchte, blieb er 
dem Land und den Menschen bis an sein Lebensende verbunden. Die Afghanen, 
sie kamen zu ihm. Die spätere afghanische Botschafterin in Berlin, Maliha 
Zulfacar, promovierte bei Christian. Den ehemaligen Gouverneur der Provinz 
Khost, Hakim Taniwal, der im Jahr 2006 von einem Selbstmordattentäter in 
Afghanistan umgebracht wurde, nannte er seinen Freund. Während Taniwals 
Studienzeit in Münster beherbergte Christian ihn in seinem Haus. Noch als 
Emeritus ebnete er weiteren Doktorarbeiten den Weg, vor allem wenn es um 
Afghanistan ging.
Im Oktober 2009 erschien auf iley.de Christians erster Beitrag über die 
Geschichte Afghanistans. Von da an berichtete er kontinuierlich über das 
Land am Hindukusch. Geografisch aus der Distanz, mit seiner Expertise und 
seinen Kontakten dennoch ganz nah dran.
Als libertärer Anarchist opponierte er gegen die Herrschenden. 
Regierungen, ganz besonders die deutsche, kamen bei ihm ziemlich schlecht 
weg. Als Querdenker sah Christian Zusammenhänge, die andere nicht sehen 
konnten oder nicht sehen wollten. So kritisierte er die Floskel von der 
"friedlichen Revolution" als eine Verwässerung des Revolutionsbegriffs: 
"Sie unterschlägt, dass der Systemzusammenbruch im Sowjetblock und die 
Ablösung der SED-Diktatur (…) nur ermöglicht wurde durch den Widerstand 
der afghanischen Völker, die bis 1989 mehr als 1 Million Tote zu beklagen 
hatten." Christians These lautet, dass der Kampf der Afghanen gegen die 
Invasoren aus Moskau antisowjetischen Bewegungen in Osteuropa entscheidend 
Auftrieb gegeben und Mut gemacht hätten. Dank, so schrieb Christian zum 
20. Jahrestag des Mauerfalls, hätten die Afghanen von den Deutschen nicht 
erwartet.

Kritik an der eigenen Universität

Neben Afghanistan widmete sich Christian in seinen Beiträgen auf iley.de 
auch dem deutschen Wissenschaftsbetrieb. Er gewährte uns exklusive 
Einblicke ins Innere dieses Systems. Es ergab sich, dass die politische 
Elite unseres Landes durch ergaunerte Doktortitel auffiel. Für ihn, der zu 
seinen Promovierenden ein enges Verhältnis pflegte und gleichzeitig 
höchste Ansprüche an sie stellte, nur der nächste Beweis für die 
Korrumpierbarkeit der Wissenschaft.
Die Universität Münster verliert einen engagierten Wissenschaftler und 
Lehrer, wie sie selbst in einer Pressemitteilung zum Tod von Christian 
verkündet. Unerwähnt lässt sie, dass sie auch den größten Kritiker ihres 
Namens verliert. Die Universität ist nach Kaiser Wilhelm II. benannt. 
Christian, der 1997 einer Kommission angehörte, die sich mit dem 
Namensgeber befasste, plädiert in einem Gutachten (pdf) für eine 
Umbenennung der Hochschule. Während die Kommission mehrheitlich für seinen 
Vorschlag stimmte, lässt die Hochschulleitung die Sache bis heute auf sich 
beruhen. Bis zuletzt kritisierte Christian öffentlich diese Haltung. So 
lernten wir uns im übrigen auch 2007 in Münster kennen. Er, der erfahrene 
Wissenschaftler, der seiner eigenen Hochschule Geschichtsverdrängung 
vorwarf, und ich, der junge Journalist, der gerade die dunklen Stellen in 
der NS-Vergangenheit der Universität ein wenig aufgehellt hatte. Für die 
Münstersche Zeitung interviewte ich Christian zur "Posse um den 
Namenspatron" (pdf). In den darauf folgenden Jahren sollten weitere 
Interviews folgen.

Christian sagte mehrfach bei unseren oft stundenlangen Gesprächen, dass er 
froh sei, nicht mehr fester Teil des Wissenschaftssystems zu sein. Jetzt 
ist er ganz raus. Ein Jahr nach dem Tod von Ute, seiner liebenswerten 
Ehefrau und einer klasse Lehrerin, ist auch Christian aus dem Leben 
geschieden. Er starb am 14. Februar 2015. Gute fünf Jahre haben wir 
gemeinsam mit ihm Themen und Texte diskutieren und veröffentlichen dürfen. 
Für ihn war es in einem ereignisreichen und engagierten Forscher-Leben 
eine relativ kurze, für uns eine sehr intensive Zeit. Dafür sind wir ihm 
zutiefst dankbar.


Nachsatz: Auf dem Bergfriedhof in Heidelberg sind Ute Sigrist und 
Christian Sigrist beigesetzt. Auf ihrem Grabstein ist unter den jeweiligen 
Lebensdaten zu lesen: Ute Sgrist - Klasse Lehrerin. Christian Sigrist - 
Kluger Querkopf.