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Aus: JW Ausgabe vom 04.03.2020, Seite 10 / Feuilleton

Ernesto Cardenal: Priester, Sandinist, Kulturminister

Und obendrein des Marxismus »beschuldigt«: Nachruf auf den Dichter und Befreiungstheologen Ernesto Cardenal

Von Gerhard Feldbauer

Oswaldo Rivas/REUTERS

»Beiträge zur Weltliteratur«: Ernesto Cardenal auf einem Literaturfestival in Granada, Nicaragua, Februar 2010

Als führender Repräsentant der Befreiungstheologie unterstützte der nicaraguanische Priester und Schriftsteller Ernesto Cardenal in den 70er Jahren die sandinistische Bewegung im Kampf gegen die Somoza-Diktatur und übernahm nach deren Sturz 1979 in der Regierung von Daniel Ortega das Amt des Kulturministers. Am Sonntag ist er im Alter von 95 Jahren verstorben. Obwohl Cardenal sich 1994 von der Partei der Sandinisten, FSLN, abwandte und scharfe Kritik an Präsident Ortega übte, lässt dieser in einer dreitägigen Staatstrauer den Toten und sein Vermächtnis ehren.

Die Theologie der Befreiung breitete sich in Lateinamerika, wo knapp die Hälfte der Katholiken der Welt lebt, seit der zweiten Konferenz des Episkopats 1969 in Medellín (Kolumbien) machtvoll aus. Entscheidende Impulse kamen von den nationalen Befreiungskämpfen auf dem Kontinent, besonders von den Erfolgen in Kuba und Nicaragua, aber auch vom Versuch einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft unter Salvador Allende in Chile. Die Befreiungstheologen gingen davon aus, dass Christus sein Werk der Erlösung »in Armut und Verfolgung« vollbrachte und die Kirche berufen sei, den gleichen Weg einzuschlagen. In diesem Sinne standen nicht wenige lateinamerikanische Bischöfe mehr oder weniger offen an der Seite der kämpfenden Völker und verkündeten angesichts des Elends und des Hungers, das Reich Gottes könne nicht erst im Jenseits beginnen.

Cardenal stand in einer Reihe mit dem »Vater der Theologie der Befreiung«, dem Peruaner Gustavo Gutiérrez, dem brasilianischen Professor Leonardo Boff und dem ebenfalls aus Brasilien stammenden Erzbischof Hélder Câmara. Die Befreiungstheologen waren einer regelrecht inquisitorischen Verfolgung durch Karol Wojtyla alias Johannes Paul II. (Papst von 1978–2005) und Joseph Ratzinger, Kardinal und Chef der Glaubenskongregation (bis er 2005 selbst Papst wurde), ausgesetzt. Hunderte von ihnen wurden wie Ernesto Cardenal wegen ihres sozialen Einsatzes für die Armen und Unterdrückten verfolgt, gemaßregelt, aus ihren Ämtern entfernt. In den 24 Jahren, die Kardinal Ratzinger Großinquisitor war, hat er nach Einschätzung des früheren Dekans der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien, Hubertus Mynarek (Essay in: »Papst ohne Heiligenschein«, Frankfurt/Main 2006) etwa 150 Theologen nach Inquisitionsprozess verurteilt, darunter Boff und Câmara.

Wojtyla hatte nichts einzuwenden, als Mitglieder des klerikalfaschistischen Opus Dei in Chile in die Pinochet-Regierung eintraten. »Papa pellegrino, maledeci l’Assasino« (Pilgerpapst, verfluche den Mörder) rief ihm eine protestierende Menge bei einem Besuch in Chile zu. Ungerührt zeigte er sich statt dessen mit dem faschistischen Diktator auf dem Balkon, segnete ihn und die Mitglieder seiner Regierung. Cardenal aber wurde vom Pontifex bei einem Besuch in Managua im März 1983 in demütigender Weise aufgefordert, sein Ministeramt niederzulegen. Obendrein »beschuldigt«, Marxist zu sein, weigerte sich Cardenal, aus der Regierung auszutreten – der Papst erteilte ihm 1984 Berufsverbot und suspendierte ihn vom Priesteramt. Cardenals Bruder Fernando übernahm 1984 das Bildungsministerium und wurde aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen. Als Theologieprofessor Johann Baptist Metz den Beitrag von Ernesto Cardenal zur Befreiung des Landes vom korrupten Clan des Diktators Somoza würdigte, ließ Ratzinger ihn aus der Liste der Bewerber um einen Lehrstuhl an der Universität in München streichen.

Cardenals poetisches Werk ist in neun Bänden im Peter-Hammer-Verlag in Wuppertal erschienen. Herauszuheben wären vielleicht »Das Evangelium der Bauern von Solentiname« (zwei Bände, 1976/78, »Zerschneide den Stacheldraht. Südamerikanische Psalmen« (1967) oder »In Kuba. Bericht von einer Reise« (1972). Beiträge zur Weltliteratur, für die Cardenal hohe Ehrungen erhielt: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1980), Premio Iberoamericano de Poesía Pablo Neruda (2009), Premio Reina Sofía de Poesía Iberoamericana (2012) u. a. Mehrere Universitäten, darunter die in Wuppertal 2017, verliehen ihm den Doktor honoris causa, Städte die Ehrenbürgerschaft.

Zuletzt war Cardenal im vergangenen Jahr in den Schlagzeilen. An einer Niereninfektion schwer erkrankt, lag er im Krankenhaus, als ihm Erzbischof Stanislaw Waldemar, der Nuntius (Botschafter) des Vatikan in Nicaragua, eine Botschaft des Papstes überbrachte. Laut Medienberichten hatte Franziskus die Verurteilung von Ernesto Cardenal zurückgenommen. Von einem weiteren Besucher, dem Weihbischof von Managua, Silvio José Báez Ortega, hieß es, er habe vor Cardenals Krankenbett gekniet und den »Abtrünnigen« um seinen »priesterlichen Segen« gebeten. Die italienische Presseagentur ANSA vermerkte damals, Cardenal habe sich vom Marxismus und seiner revolutionären Vergangenheit nicht distanziert. Wie die spanische Tageszeitung El País schrieb, hatte er die Wahl von Jorge Mario Bergoglio begrüßt, mit den Worten: »Ich identifiziere mich mit dem neuen Papst. Er ist besser, als wir ihn uns hätten erträumen können.«